Architektur

6 HÄUSER > 1 MUSEUM

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Lounge Innenhof
Schließfächer
Treppenhaus Neubau

Das Humpis-Quartier hat seine Wurzeln im 11. Jahrhundert. Schuster, Gerber, Kaufleute, Wirte, Hoteliers und eine ganze Reihe an Dienstboten bewohnten es bis ins späte 20. Jahrhundert, bewirtschafteten es, hinterließen ihre Spuren in der Marktstraße 45, 45/1, 47, der Humpisstraße 1-3 und der Roßbachstraße 18.

Folglich zeigte sich das Quartier, das nach außen einen durchaus einheitlichen Eindruck vermittelte, bei näherem Blick als überaus vielschichtig: Da gab es, bedingt durch den Höhenunterschied von 2,5 m zwischen Marktstraße und Roßbachstraße, unterschiedlichste Geschossebenen und -höhen, verschiedenste Zugänge – mal von der Straße, mal vom Hof, mal vom Nebenhaus her, voneinander unabhängige Tragwerke, hier Treppenhäuser, dort Reste eines Laubengangs, massive Mauern unterschiedlicher Stärke, Fachwerk aller Art, Türen aus dem 18. Jahrhundert, in Stöcken aus dem 15., daneben Heizkörper aus dem 20. Jahrhunder.

Allem jedoch war eines gemein: Der Wildwuchs an Konstruktionen und verwendetem Material, die Durchbrüche, Zwischenwände, Reparaturen – sie alle erzählten, kleinteilig aber wortgewandt, mehrere Jahrhunderte Bau-, Wohn- und Stadtgeschichte. Wie sollten wir Architekten von Space4 diese unterschiedlichen Erzählstränge zusammenfassen und in eine, dem nächsten Jahrhundert angemessene Form gießen?

Ab unter die Glasvitrine...

... war die (fast) richtige Vision! Die kostbare Bausubstanz, die schwer unter dem Zahn der Zeit, unter Feuchteschäden sowie unsachgemäßer Instandsetzung gelitten hatte und vielerorts nur noch durch den jüngsten Verputz zusammengehalten wurde, musste unbedingt geschützt werden. Doch wie sie erschließen, ohne neue Wege über die alten Flure zu legen? Wie Brandschutz, Fluchtweg, Barrierefreiheit herstellen und die historischen Leitschichten wahren? Als wir erkannten, dass alle Häuser wenigstens einen Zugang zum offenen Innenhof hatten, erhoben wir ihn zum Rückgrat und Zentrum unserer Planung: Die Idee vom Glasdach war geboren.

Unter seiner filigranen Konstruktion entpuppte sich der Innenhof nicht nur als Erschließungschance: Er entwickelte sich dank seiner Höhe, seiner Helligkeit und seiner Fläche von 120 m2 zum architektonischen Gegenpol und Ausgleich für die niedrigen Balkendecken, winzigen Fenster und kleinen Räume der sechs Häuser. Als thermischer Pufferraum schützt er zudem, da er Temperaturschwankungen ausgleicht, die alten Mauern des Quartiers. Was lag näher, als ihm die Hauptrolle bei Sonderausstellungen und Veranstaltungen, zwei zwingende Aufgaben eines modernen Museums, zu geben?

Wohin mit der Technik...

... und wohin mit WCs und Sanitärräumen, ohne unser Kulturdenkmal zu überschreiben? In den Keller? Es gab keinen, der geräumig genug gewesen wäre! Welchen Bau also zusätzlich unterkellern? Die archäologische Grabung im Innenhof und der Abriss des durch zu viele Umbauten entstellten Gebäudes Marktstraße 45/1 eröffneten neue Möglichkeiten: Als die Archäologen ihre Untersuchungen beendet hatten, war die Baugrube für die Unterkellerung und den Neubau quasi hergestellt.
Architektonisch ergänzt der Neubau das für das mittelalterliche Ravensburg typische Gefüge aus Vorderhaus, Zwischenbau und Hinterhaus. Sein Kern, das Splitt-Level-Treppenhaus mit Aufzug, verbindet die zueinander versetzten Geschosse der angrenzenden Altbauten. Indem wir die Zugänge, den Aufzug sowie die Fenster- und Türöffnungen in der Rückwand Marktstraße 45 verglasten, schufen wir spannende Bezüge und Durchblicke. In seinem, den gesamten Innenhof unterziehenden, Tiefgeschoss fanden Garderobe, Besucher-Toiletten und der größte Teil der Technik Platz.

Der Architekt als Spurensicherer

Respektvoll näherten wir uns schließlich unserem Exponat. Wir wollten seine historischen Spuren ablesbar und verständlich machen, wollten seinen Charme, seine Aura erhalten. Das bedeutete: Nicht ersetzen, sondern restauratorisch sichern und zwar in materialgerechter, handwerklich tradierter Technik. So erhielten wir z.B. den Zeugniswert der historischen Fenster, indem wir die ursprünglichen Vorfenster nach- und einbauten: thermische Aufwertung ohne optische Beeinträchtigung! Bei der Restaurierung der Putze setzten wir spezielle Putzmischungen nach alten Rezepturen ein, die der historischen Technik folgend von Hand angetragen wurden. Ein gläserner, schwebender Laubengang ersetzte einen in den Zeitläuften abgerissenen Laubengang.
Die architektonische Sprache der neuen Elemente lässt durch ihre klare, reduzierte Gestaltung und Konstruktion dem historischen Bestand Raum, verstärkt seine Wirkung, hebt sich von ihm ab, ohne ihn zu stören: Alt und Neu spielen perfekt zusammen.
Unseren Glassturz haben wir im übrigen auch verwirklicht. Als Zeichen unserer architektonischen Einmischung ragt er als zweigeschossiger Erker zwischen den historischen Fassaden von Roßbachstraße 18 und Humpisstraße 5 hervor. Auf 3,85 m bzw. 6,50 m über dem Boden tritt der Besucher aus der ältesten Stadtgeschichte in die jüngste hinaus.

Öffnungszeiten

Dienstag bis Sonntag11 - 18 Uhr
Donnerstag11 - 20 Uhr

Karfreitag, 24., 25. und 31. Dezember bleibt das Museum geschlossen.

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Eintritt

Erwachsene5 € 
Ermäßigt3 €
Kinder bis 18 Jahrefrei 
Gruppen ab 10 Personen
4 € 

Im Eintritt enthalten sind auch die Sonderausstellungen

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Museumsfilm